
Landesverband Hessen e.V. des Deutschen Journalisten-Verbandes
Hessischer Rundfunk baut digitale Filmproduktion aus
Wenn aus einem Hörfunk- ein Kombi-Studio wird
29.06.2005
FRANKFURT – „Das ist spitze!“, freute sich weiland Showmaster Hans
Rosenthal und überwand springend die Schwerkraft. Spitze zu sein strengt
sich derzeit auch der Hessische Rundfunk an – und verzeichnet damit Erfolge.
Was ihm in der Fernsehquote versagt bleibt, erwirbt sich der Sender am Main
auf dem Feld der digitalen Filmproduktion: den Respekt der anderen
ARD-Anstalten.
Es geschieht nichts Geringeres, als dass still und leise die Hörfunkstudios des hr im Lande sich in probate Fernsehstudios verwandeln. Nun möchte man meinen, das erfordere massive Etats und unzählige Sattelschleppertransporte, um Studioausrüstungen in die Provinz zu karren. Das ist falsch.
Es begann mit ein paar Bildern
Es begann damit, dass Hörfunkreporter in den Außenstudios vor ein paar Jahren kleine Digi-Kameras in die Hand gedrückt bekamen, flankiert von der Bitte: Wenn bei euch das Finanzamt brennt, macht einfach ein paar Bildchen mit und schickt sie uns per Taxi ins Funkhaus. Dort wurden die Bildchen zu Nachrichtenfilmen à 20 bis 30 Sekunden geschnitten und gesendet. Man sparte zum einen große Fernsehteams – die zum anderen sowieso zum Brand zu spät gekommen wären.
Weil das so gut funktionierte, stellte man den Hörfunkreportern (die sich jetzt auch „Videoreporter“ nennen durften) kleine Mac-Notebooks hin, schulte sie drei Tage lang in einem Schnittprogramm, und fortan konnten sie grobe Vorschnitte machen. Damit erleichterten sie den „Empfängern“ im Funkhaus die Arbeit, die mussten nicht mehr in Material ertrinken.
In der nächsten Stufe der Evolution verging dem Taxifahrer das Lachen: Die vorgeschnittenen Bilder wurden nicht mehr auf Rädern, sondern per Filetransfer ins Funkhaus am Dornbusch geschickt, also von Computer zu Computer, und damit waren die Studios Gießen, Fulda und Darmstadt richtig „am Netz“. Im Dezember 2004 nun wurden schnelle 2-Megabit-Datenverbindungen zu den Hörfunkkorrespondenten auch in Bensheim, Korbach und Alsfeld gelegt. Auch Fulda ist angekoppelt, in Limburg und Marburg ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch von dort das Bewegtbild bis nach Frankfurt zappelt.
Zu den Erfahrungen des Lebens gehört: Was spielerisch beginnt, wird unversehens zu einer ernsten Herausforderung. Inzwischen werden die Kolleginnen und Kollegen noch intensiver geschult, mit dem Ziel, dass sie ihre Nachrichtenfilme ganz und gar fertig schneiden und als Komplettstücke an den Main schicken, wo dann die Endbearbeitung sofort auf die Sendestraße führt. Vom Hörfunkreporter zum selbstdrehenden und selbstschneidenden Fernsehreporter. Unglaublich.
Das Ziel der Bimedialität – also berichten für beide Medien, nämlich Radio
und Fernsehen – ist damit erfüllt. Und das ist gut so. Doch Zeit zum
Luftholen bleibt keine: Derzeit werden die Macs ausgewechselt zu Gunsten von
Avid-Rechnern, das sind richtige Profi-Schnittgeräte, die allerfeinste
Schnitttechniken und -tricks ermöglichen. Mit Avids ausgestattet werden
derzeit die Studios in Gießen, Fulda und Darmstadt. Damit sind diese auf dem
Weg zum richtigen Fernsehstudio: Im Avid-Workflow kompatibel mit der
gesamten Fernseh-Digitallogistik im HR können sie nahtlos in die
verschiedenen Sendeabläufe eingefädelt werden. Auch „richtige“ Fernsehteams,
die gerade in der Region drehen, können ihr Material, wenn es pressiert,
dort einspeisen. Eine beispiellose Aufwertung für die Studios.
Gerade mal eine Stunde Lehrzeit für die Video-Avids
Tempomacher in der Sache ist Bernd Kliebhan im Hessischen Rundfunk, der auch dem Projekt „Videojournalisten“ (das ist das Fortbildungsprojekt für „richtige“ Fernsehjournalisten im hr) Beine macht. Er meint: „Hörfunkvolontäre, die den digitalen Hörfunkschnitt gelernt haben, brauchen vielleicht mal eine Stunde, um auf die Video-Avids umzusteigen. Die sind doch mit der Logik vertraut, das ist für die kein Problem, da gibt‘s auch keine Schwelle.“
Schwellen gibt es jedoch, wenn man sich den Aspekten der sozialen Balance
des Ganzen nähert. So gab es vor Jahresfrist eine regelrechte Streikbewegung
von Hörfunk-Videoreportern, die sich bei der Honorierung übers Ohr gehauen
fühlten. Denn Honorarkonventionen sind an der neuen Bimedialität regelrecht
gescheitert, weil auch der Begriff der Exklusivität in Konfrontation mit der
Bimedialität neu definiert werden muss. Und einige Hörfunker vergaßen übers
Bilderdrehen, so hörte man, ihren wirklichen Job am Mikrofon – mit der
Folge, dass die Hörfunkhierarchen Abwanderungsbewegungen fürchteten und zu
grollen begannen. Hatte nicht auch in der Region mehr Standing, wer
richtiges Fernsehen machte? Trotz aller Probleme: Der Job wird sicherer.
Denn wer bimedial arbeitet, wird attraktiver für seinen Arbeitgeber –
versprechen die Verantwortlichen.
Aber es drohen neue Probleme: Wer macht eigentlich den Support bei den neuen
Schnittplätzen in den Außenstudios? Eigens Fernsehtechniker rauszuschicken,
macht keinen Sinn, es wäre zu teuer, meint Bernd Kliebhan. „Wir haben mal
angedacht, Hörfunktechniker draußen so zu schulen, dass sie
Fernsehequipments warten, also eine Art First-Level-Support machen können.
Digital ist digital.“
Der Ausstoß an Filmen aus den Regionen wurde in den vergangenen Jahren
erfreulich gesteigert, der Hessische Rundfunk baute damit seine
Kernkompetenz aus, weil er in der Fläche präsenter wurde. Visionär gesehen
kann man sich schon kleine Digi-Kameras in den Studios vorstellen, die
Bilder live direkt ins Netz streamen, dann wären komplette Sendungen aus
Fernsehstudios möglich, und das zu Preisen, die man bis vor kurzem noch für
völlig undenkbar gehalten hätte.
Der DJV im Hessischen Rundfunk wird die Entwicklung sorgfältig begleiten,
auch unter Honorargesichtspunkten. Mutige, die sich vor dem Beschreiten
neuer Wege nicht fürchten, sollen entsprechend honoriert werden. Neue
Projekte können Chancen sein – aber auch Belastungen mitsichführen. Und wo
der eine wächst, fühlt der andere sich rasch überfordert.
Harald
Henn
Sprecher der Fachgruppe Rundfunk
und
Videojournalist im hr
(Ein Beitrag aus dem "blickpunkt" des DJV Hessen heft 02/2005)