Landesverband Hessen e.V. des Deutschen Journalisten-Verbandes

 

 


Offene Bürgerplattform oder journalistische Sparversion? - Die GIEßENER ZEITUNG


02.01.2009 GIEßEN.  Was Verlag, Leser und Bürger-Reporter als offene Plattform für die gegenseitige Information goutieren und schwindelerregende Zuwachszahlen verbucht, stößt bei Journalisten auch auf Kritik: die jetzt vier Monate alte kostenlose „Gießener Zeitung“ mit bereits rund 1400ebenso kostenlosen „ehrenamtlichen Reportern“.

Seit 3. September erscheint in Gießen die „erste hessische Mitmach-Zeitung“. Mittwochs und samstags kommt die „Gießener Zeitung“ mit großem Versaleszett im Titel kostenlos und anzeigenfinanziert zu genau 124.454 Haushalten in Stadt und Landkreis. Die Printversion umfasst konstant 16 bis 20 Seiten und erscheint in vier Lokalausgaben für die Stadt, den nördlichen, östlichen und südlichen Kreis. Sie enthält eine Auswahl der Artikel, mit denen mittlerweile rund 1400 Bürger-Reporter als ebenfalls kostenlose Texter und Fotografen gut 60 Prozent der tagesaktuellen Internetseite www.giessener-zeiung.de bestücken. Den Rest liefern mit inzwischen fünf festen freien Mitarbeitern die beiden Vollzeit angestellten Redakteurinnen Sabine Glinke und Simone Linne aus der mitten in der Stadt gelegenen Geschäftsstelle (Südanlage 26). Sie moderieren auch die Website.

Für Leser wie Bürger-Reporter liegt der besonderer Reiz darin, dass die Beiträge ausnahmslos das lokale Geschehen in allen Details behandeln und auf der Internetseite als Kontaktforum direkt und für jedermann einsehbar kommentiert werden können. So lasen zum Beispiel genau 465 Nutzer den Artikel zum Base- und Softballsport der Gießener Gremlins sofort nach der Veröffentlichung auf der Website. Parallel erntete der zum Thema Männergesundheit auf Anhieb 22 Kommentare.

Auf der Internetseite stehen die Originaltexte der Bürger-Reporter. Aus ihnen „wählen wir die besten Beiträge aus“, erklärt Glinke, die bei der „Gelnhäuser Neue Zeitung“ volontierte und mit ihrem Engagement für die GZ jetzt zur Madsack-Gruppe zurückkehrte. Auch für die Printausgabe „werden die Texte nur minimal redigiert“ und mitunter gekürzt, betont die 27-jährige Redakteuerin. Bisher hätte sich jeder Bürger-Reporter an die GZ-Bestimmungen gehalten und die Redaktion noch keinen Beitrag zurückweisen oder löschen müssen.

Auf der Internetseite schildert die „Gießener Zeitung“ ihr Konzept als „offene Bürgerplattform, die vom gegenseitigen Austausch lebt“. Die Bürger „zeigen sich gegenseitig“, heißt es weiter, „was die Region für sie lebenswert macht. Sie schreiben, lesen, fotografieren, filmen, kommentieren, diskutieren, fragen und antworten, vernetzen sich vor Ort und knüpfen überregionale Kontakte zu Gleichgesinnten.“ Die GZ wolle, „dass die Bürger jeder Region zusammenfinden, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen, füreinander dazusein und miteinander aktiv zu werden“. Dementsprechend appelliert die Redaktion, „einen offenen, freundschaftlichen und respektvollen Umgang miteinander zu bewahren“, und betont: „Wir akzeptieren keine persönlichen Beleidigungen“, „verfassungsfeindliche“, „strafbare“ oder „sittenwidrige“ Beiträge. Bei Verstößen dagegen lösche die Redaktion zum Beispiel Beiträge oder schließe Diskussionen. Darüber hinaus warnt sie vor Urheberrechtsverletzungen, fordert auf, „etwaige kommerzielle, parteipolitische oder verdeckte Interessen“ eines Beitrags „offenzulegen“ und verweist für werbliche Inhalte auf die Möglichkeit der Anzeigenschaltung.

„99 Prozent der Rückmeldungen aus dem Leser- und Geschäftskundenkreis sind positiv und alle Bürger-Reporter bestätigen uns, dass das Prinzip alles andere als negativ ist“, sagt GZ-Geschäftsführer Jürgen Trohorsch. „Ich kenne nur zwei negative Äußerungen.“ Sie stammten vom DJV und vom „Spiegel“. „Sonst wirft uns keiner Billigjournalismus vor“, meint Trohorsch und freut sich, wie gut die GZ im Finanzierungsplan liegt: „Wir hatten erhofft, in einem Vierteljahr dort zu stehen, wo wir schon nach vier Wochen waren.“

Positiv beurteilt auch Chefredakteuerin Annette Milz vom unabhängigen, generell kritischen „medium magazin“ in der Oktober-Ausgabe das GZ-Konzept der Madsack-Verlage Hitzeroth in Marburg („Oberhessische Presse“) und Naumann in Gelnhausen („Gelnhäuser Neue Zeitung“) als Träger der GZ medien GmbH. Produzieren lässt sie Internetportal und Druckausgaben von Gogol Medien in Augsburg. Miteigentümer ist seit April die Verlagsgruppe Madsack („Hannoversche Allgemeine“). Sie setzt das von Gogol Medien entwickelte Portal myheimat.de bei ihren Heimatzeitung ein. „Über die partizipatorische Mitwirkung der Leser“ erschließe die „oberhalb eines Anzeigenblatts, aber unterhalb der klassischen Tageszeitung“ positionierte GZ einen „neuen Markt“ und ermögliche Anzeigenkunden erstmals „eine komplette Belegungseinheit von Nord-bis Südhessen“, betont Milz. Sie nennt „die Macher“ sogar „ziemlich bescheiden, denn es ist ein bisher bundesweit einmaliges Projekt.“

Gespalten äußern sich Blogger: „Ziemlich spannend“, findet etwa Robert Basic aus Usingen den Mix aus Texten professioneller und Hobby-Journalisten: „Zu lesen sind darin Berichte, die den Bürgern selbst ein Anliegen sind“ wie „zum Beispiel, dass das Dörfchen Queckborn wieder einen Mini-Supermarkt hat, oder dass der Star des örtlichen Tanzvereins seine Liebste vor den Altar geführt hat“. Die Vorbehalte des DJV-Bundesvorsitzenden Michael Konken gegenüber der Laienberichterstattung tut Basic als „Unfug“ ab und dreht die des Bloggers Schockwellenreiter ins Gegenteil. Der rügt das GZ-Konzept als Lüge: Bürgerjournalismus sei nur dann echter, wenn der Bürger auch im Besitz der Produktionsmittel sei. „Alles andere ist Ausbeutung der kostenlos content liefernden Bürger, sprich Moppelkotze!“ Basic sieht stattdessen den gegenseitigen Vorteil: Ihm selbst Gewinn bringend stelle der Verlag mit viel „Mühe“ dem Bürger „dauerhaft“ eine „komplette Infrastruktur“. Dank ihr kann der Bürger „seine 'Moppelkotze' wunderbar verteilen lassen.“ Basic betont den „gewaltigen“ Gesamtnutzen für die Bürger. „Schaue ich mir die bisherigen Lokalblätter an, so kann ich nicht gerade davon schwärmen, dass da 'meine Inhalte' drin sind.“ Im Vergleich zu den Kaufzeitungen voller Anzeigen und unterinteressanten Texten „traue ich den Bürgern viel mehr inhaltliche Interessensnähe zu“. Gerade deshalb ärgert Basic die „unpersönliche Journalistenschreibe“ der Bürger-Reporter in der GZ. „Fokussiert rein auf die Sachebene“ fehle sogar den Sportartikeln „die Seele“ und Begeisterung. „Die gesamte Kraft und Power käme aber erst dann zum Tragen, wenn man sich trauen würde, emotional persönlich zu schreiben“.

Mit Zurückhaltung betrachtet die Konkurrenz das kostenlose Profi-Laien-Konglomerat aus Internetzeitung und Best-of-Printversion. In Gießen konkurriert diese mit zwei traditionsreichen Tageszeitungen und zwei Anzeigenblättern. „Hier wird der Versuch unternommen, mit möglichst geringen Ausgaben ein Anzeigenblatt aufzubauen“, sagte Christian Rempel, Verleger der gut 60 Jahre alten „Gießener Allgemeinen“, nach dem Start der GZ. Er fand den zunehmenden Preisdruck auf den ohnehin umkämpften regionalen Werbemarkt „hochgradig ärgerlich“ und betonte: „Publizistisch können wir dem allerdings nichts abgewinnen.“ Andere Verlagshäuser wie der Verlag Axel Springer, der selbst mit Leser-Reportern arbeitet, beobachteten das GZ-Modell kommentarlos.

Klar lehnen es dagegen der „Spiegel“ und DJV-Bundesvorsitzender Konken in Sorge um die finanzielle wie die inhaltliche Zukunft des professionellen Journalismus ab: „Das hat für mich nichts mit Qualität zu tun. Die Sorgfaltspflicht, die ein Journalist lernt, kann ein Bürger einfach nicht drauf haben.“ Anders als das von vielen ohnehin mit Vorsicht rezipierte Internet suggeriere die Druckversion trotzdem: „Ich kann als Leser annehmen, dass es richtig ist.“

Ein „Armutszeugnis“ stellt der Stuttgarter Journalist Dominik Lapp den GZ-Machern im November-„Journalist“ aus. Mit ihrem „kostengünstigen Journalismus“ als Sparvariante stelle sie das Berufsbild generell in Frage. Differenzierter äußert sich der Bonner Publizistikwissenschaftler Walter J. Schütz in der November-Ausgabe von „medium magazin“. Die GZ „ist zweifellos gut gemacht“, bescheinigt der ausgewiesene Fachmann für Deutschlands Tageszeitungen dem neuen Blatt. Besäße es „eine aktuelle überregionale Titelseite“, würde es „alle Kriterien einer echten Zeitung erfüllen“. Bedenklich findet Schütz jedoch, wo der „Hybrid“, der „durch die Hintertür auf dem Weg zu Gratiszeitung“ sei, erscheint: „Mit Gießen fand man ganz bewusst und strategisch geschickt den Ort im Bundesgebiet, an dem ... der härteste Wettbewerb zwischen zwei Zeitungen (sogar mit je eigener Kernredaktion) besteht.“ Trotz ihrer nur mittleren Auflagen garantierten hier die „Gießener Allgemeine“ und der „Gießener Anzeiger“ die „inzwischen in Deutschland selten gewordene Zeitungsvielfalt“. Angesichts ihrer begrenzten Abwehrmöglichkeiten befürchtet Schütz, dass es in Gießen „bald die erste Verteilzeitung überhaupt ohne jede Konkurrenz geben“ könnte. Das Argument, der kompletten Belegungseinheit lässt Schütz nicht gelten, da die beteiligten Verlage mit der GZ lediglich ihr für Stadt und Kreis herausgebenes „bisheriges Anzeigenblatt“ ersetzen.

GZ-Verleger und Hitzeroth-Geschäftsführer Steffen Schindler wiederum betonte schon zum Start, dass sich die GZ als „Zusatzangebot“, „Alternative für Leute, die sonst gar nicht Zeitung lesen“ und Zukunftszeitung „unabhängig vom Abo“ nicht als Konkurrenz zur traditionellen Tageszeitung sehe, sondern „eine Nische“ besetze. Das klingt insofern nicht ganz abwegig, da Schindler selbst mit der „Oberhessischen Presse“, „Waldeckschen Landeszeitung“ und „Frankenberger Zeitung“ drei Tageszeitungen als Geschäftsführer verantwortet.

Zur Schlussproduktion der ersten GZ-Samstagsausgabe besuchte Hessens Wirtschaftsminister Dr. Alois Rhiel die Redaktion. „Lokaler geht’s nicht“, schwärmt GZ-Mitarbeiter Christoph Linne auf der Website vom Angebot für Vereine, Feuerwehren, Parteien, Schulen, Kulturveranstalter, Verwaltungen und Privatleute: „Zugezogene finden über Beiträge und Kontakte Zugang zur örtlichen Gemeinschaft. Alteingesessene können über die Vorzüge ihres Heimatortes berichten, Tipps geben und Gleichgesinnte finden.“

Dass Leser und Bürger-Reporter das genauso sehen, beweisen schon die Zahlen: Zwei Wochen nach dem Start hatte die GZ bereits mehr als 400 Bürger-Reporter, viele davon älter als 50 Jahre. Im Oktober verdoppelte sich ihre Menge. Bis zum 9. Dezember hatten sich genau 1395 Bürger-Reporter registriert und fast täglich kommen weitere dazu. Parallel wuchs der Stab der festen freien Journalisten um die beiden Redakteurinnen von vier im Oktober auf aktuell fünf an. „Wir bauen die freien Mitarbeiter im Moment aus“, verrät Trohorsch, dass die GZ weitere gewinnen will, und nennt gleich noch eine ebenfalls permanent steigende Erfolgszahl: „Im Monatsdurchschnitt haben wir auf die Onlineseite 400000 Klicks.“ (Christine Dressler) +++