Landesverband Hessen e.V. des Deutschen Journalisten-Verbandes

 

 

"Zunehmender Einheitsbrei" - Kritik an Arbeitsbedingungen für Journalisten

62. Landesverbandstag in Hanau mit Bestandsaufnahme, Ehrungen und Wahlen - 3 VIDEOS


05.07.2009 HANAU.  „Dramatische Zeiten“ und „gefährliche Entwicklungen“ im deutschen Journalismus hat der Landesverband Hessen der Deutschen Journalistenverbandes (DJV) angeprangert. Auf dem 62. Landesverbandstag in Hanau am Samstag (04.07.) kritisierte der hessische DJV-Vorsitzende Hans-Ulrich Heuser die Leiharbeit in Redaktionen, das Outsourcen journalistischer Arbeit, die verstärkte Tarifflucht von Zeitungsverlagen und die Degradierung der Zeitung als „bloßes Investitionsobjekt und vermeintliche Geldmaschine“. Heuser sprach von einer „Shareholder-value-Mentalität“ der Verlage und der Sparkommissare in den Rundfunkanstalten, die Redaktionen nur noch zu puren Kostenstellen degradierten und die den Qualitätsjournalismus kaputt machten.

Als konkrete Beispiele dafür, dass überall im Lande mehr und mehr Redaktionen vor Ort zusammengelegt oder gar geschlossen würden, nannte Heuser den Raum Darmstadt/Groß-Gerau durch die „Frankfurter Rundschau“. Kleine Zeitungen müssten unter dem Druck der großen Konzerne aufgeben oder würden aufgekauft, wie schon in Süd-, Mittel- und Nordhessen geschehen. Ganze Mantelredaktionen würden geschlossen und dann von einem großen Verlag hunderte von Kilometer entfernt bezogen.

Nach Meinung des DJV Hessen – der hessenweit größten Journalistenorganisation mit über 2.800 Mitgliedern - gingen auf diese Art und Weise nicht nur Meinungsvielfalt verloren, sondern auch ein großes Stück Identität und Unabhängigkeit. Dann brauche sich auch niemand mehr über den Rückgang der Auflagenzahlen zu wundern.



Kritik an „Verlegern und deren gierigen Verlagsmanagern“

„Die Verleger und deren gierige Verlagsmanager sind es, die sich selbst den Ast absägen, auf dem sie derzeit noch sitzen. Wer nur noch Einheitsbrei liefert, der darf sich nicht darüber wundern, wenn ihm, am Ende dabei der Appetit vergeht und er schließlich verhungern muss“ sagte Heuser wörtlich. Durch immer weniger Personal, durch zunehmende Arbeitsverdichtung in den Redaktionen von Zeitungen und Rundfunkanstalten und durch immer mehr einheitliche Berichterstattung in den Mantel- und Lokalteilen werde „wichtiges Kapital für die Qualität und den damit eng verbundenen Erhalt der Vielfalt der Medien und der Demokratie leichtfertig zerschlagen“.

Als „Schande“ bezeichnete Heuser in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass jährlich nur zwei Drittel von 2.700 gut ausgebildeten Nachwuchsjournalisten einen Arbeitsplatz fänden. Dies sei „Betrug am Qualitätsjournalismus schlechthin“.

Die Anerkennung der Arbeit des DJV Hessen spiegelte sich auch in der Gästeliste wieder, denn neben DJV-Bundesvorsitzendem Michael Konken waren nicht weniger als die Spitzen von zwölf anderen DJV-Landesverbänden anwesend: Wolfgang Marr (DJV Thüringen), Andreas Lang (DJV Rheinland-Pfalz), „Charly“ Karl Geibel (DJV Baden-Württemberg), Helmut Dahlmann (DJV NRW), Michael Anger (DJV Bayern), Regine Suling (DJV Bremen), Klaus-Dieter Tiator (Saarländischer Journalistenver-band), Klaus Kundt (DJV Berlin), „Kajo“ Döring (neuerDJV-Hauptgeschäftsführer), Alexander Fritsch (Verband Berliner Journalisten), Rainer Thümmler (DJV Sachsen) und Uwe Gajowski ( DJV Sachsen-Anhalt). Weiterhin unter den Gästen waren Joachim Legatis für ver.di Hessen sowie als Vertreter der Stadt Hanau Stadtrat Dr. Ralf-Rainer Piesold.


Konken: „Vielfalt ist nicht gleich Qualität“

Die Medienvielfalt habe in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen und auch die Probleme seien nicht zuletzt durch den online-Bereich größer geworden, stellte der DJV-Vorsitzende Michael Konken in seiner 12-Minuten-Rede auf dem hessischen Verbandstag in Hanau fest. „Vielfalt ist nicht gleich Qualität“ – das müssten auch die Verleger akzeptieren. Für die publizistische Unabhängigkeit der knapp 39.000 DJV-Mitglieder sei eine „starke Gewerkschaft und ein starker Verband“ notwendig. Jedem müsse klar sein, dass der Abbau von Arbeitsplätzen auch den Abbau von Qualität beschleunige.


Konken sprach sich in diesem Zusammenhang klar für den Fortbestand der Zeitungen als „ein Stück Kulturgut“ aus, denn ohne sie gäbe es einen Abbruch der Informationen. Online sei „wichtig, aber es fehlten Finanzierungsmodelle“ für eine sichere Zukunft. Der DJV-Vorsitzende warnte auch davor, die Arbeit der hauptberuflich freien Journalisten immer schlechter zu bezahlen, weil sonst am Ende nur noch ein „Piraten-Journalismus“ übrig bleibe. Geldern von Ländern oder dem Bund für Zeitungen erteilte Konken eine klare Absage, denn die Staatsferne müsse gewahrt bleiben und bei freien Medien habe der Staat „die politischen Finger raus zulassen“.

Zum Abschluss lehnte Konken eine „eierlegende Wollmilchsau“ im Journalismus ab, weil gleichzeitig texten, fotografieren, filmen und schneiden und schreiben in einem sei „nicht machbar“. Der Bundesvorsitzende forderte auch dazu auf, auf Lokalebene den Bundespolitiker „Dampf zu machen“ und endlich Begrenzungen der Leiharbeit in Berlin zu erreichen. Scharf kritisierte Konken auch die Tatsache, dass die Große Koalition die Freien beim Krankengeld ab dem 1. Tag 2im Stich lässt“. Freie hätten einen Anspruch auf soziale Sicherheit.

Unter Hinweis auf die Forderung des Burda-Verlages, an den Erlösen von Suchmaschinen wie Google beteiligt zu werden, meinte Konken, dann sollte Burda aber auch die eigenen Autoren an anderen Verlagsobjekten finanziell beteiligen. Und sollte es einmal Geld von Google geben, dann müsse ein Teil davon auch an die Journalisten und Urheber der Texte gehen.


Große Zustimmung bei Wiederwahlen
für Landesvorstand


Einen großen Vertrauensbeweis in die Arbeit des bisherigen DJV-Landesvorstandes Hessen – der einstimmig entlastet wurde – ergaben dann auch die Neuwahlen, wobei die Spitze des DJV Hessen mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde. Die 51 anwesenden Delegierten (von 64 möglichen) bestätigten Hans-Ulrich Heuser (Bischoffen) mit 88 Prozent wieder an Spitze des Verbandes mit über 2.800 Mitgliedern, sein Stellvertreter bleibt ebenso Martin Angelstein (Fulda).

Wiedergewählt wurden auch Schatzmeisterin Dr. Gabriela Blumschein (Wiesbaden), Schriftführer Martin Schmidt (Wiesbaden) sowie die Beisitzer Harro Menzel (Frankfurt/M.), Jörg Steinbach (Kassel) und Barbara Goerlich (Frankfurt/M.), die sich in einer Stichwahl gegen Axel Häsler (Langenselbold) knapp durchsetzen konnte. Neuer Beisitzer wurde Dr. Klaus-Peter Andrießen, der außerdem Vorsitzender des Bezirksverbandes Lahn-Dill ist.

Zwei weitere „Personalien“ waren Anlaß, besonders zu danken: Ehrenmitglied Georg Borufka wurde für 50-jährige Mitgliedschaft ausgezeichnet, während Ehrenmitglied Friedrich-Franz („FriFra“) Sackenheim sogar seit 60 Jahren Mitglied ist. Der DJV Hessen – früher „Hessischer Journalistenverband“ (hjv) besteht erst seit 62 Jahren. Hans Ulrich Heuser überreichte Urkunde und Ehrennadel: „Sechs Jahrzehnte. Dankeschön für Deine Arbeit. Wir sind stolz auf Dich!“ FriFra versprach: „So lange ich kann, will ich gerne weiter mitwirken.“

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Heuser: „Leiharbeit ist ein sozialpolitischer Skandal“

In scharfer Form kritisierte der DJV Hessen die Tatsache, dass die Leiharbeit „immer kräftigere Blüten“ treibe. Das Verleihen journalistischer Arbeitskräfte sei ein „sozialpolitischer Skandal“ Da es keine gesetzlichen Regelungen gibt, würden immer mehr Dauerarbeitsplätze in der Zeitungsbranche von Leiharbeitern besetzt. Dieser Zustand müsse beendet werden, weil die Leiharbeit nicht zum „Instrument zur Umgehung von Tarifverträgen“ verkommen dürfe.

Einstimmig wurde deshalb auch eine Resolution an alle Bundestagsabgeordneten verabschiedet, sich endlich für gesetzliche Zeitbeschränkungen der Leiharbeit einzusetzen.


Als einen „Skandal in der Medienlandschaft“ kritisierte der DJV Hessen auf seinem Hanauer Verbandstag auch die Tatsache, dass seit über 20 Jahren den haupt-beruflich freien Journalisten eine „ordentliche Honorierung“ verweigert würde. Weiterhin gebe es klare Tendenzen zur Verschlechterung der Arbeits- und Sozialleistungen sowie Honorarkürzungen und Urheberrechts-Enteignungen bei den Fotografen. Es sei ein „untragbarer Zustand“, dass die täglich ums eigene Überleben kämpfenden Freien zum „Freiwild“ würden. Deshalb forderte der Verbandstag namens seiner über 2.800 Mitglieder die hessischen Zeitungs- und Zeitschriften-verleger auf, endlich die Honorare hauptberuflich tätiger Journalisten zu erhöhen.


Hessischer Rundfunk soll Mittelwellenprogramm nicht einstellen

Vom 62. Verbandstag in Hanau berichtet Martin Angelstein, Fotos von Wolfgang Kühner (5) und Jan Roewer (5)

In einer Resolution, die einstimmig verabschiedet wurde, kritisierte der DJV Hessen Pläne des Hessischen Rundfunks, wonach das hr-Mittelwellenprogramm aus Spar-gründen eingestellt werden soll. Damit würden nicht nur mehrsprachige Programme für ausländische Mitbürger sowie das Kinderprogramm DINO entfallen, sondern auch deutliche Versorgungslücken für hr-info entstehen, die von UKW-Frequenzen nicht abgedeckt werden könnten. Die Einsparung des hr-Mittelwellenprogramms führe nicht nur zum „inhaltlichen Kalhlschlag“, sondern auch zu einem Verlust des Demokratiebewusstseins bei den Bürgern in Hessen.

„Wer ernsthaft mehr Qualität und Ethik in den Medien will, der muss auch etwas dafür tun. Das gilt nicht nur für uns, sondern in besonderem Maße auch für die Politiker“ sagte Heuser zum Abschluss des Hanauer Verbandstages am Samstag-abend. Man werde jedenfalls beimThema „Qualität der Medien“ keine Sonntags-reden dulden, sondern immer wieder die Arbeitsbedingungen im heutigen Journalis-musanmahnen.

Zu den Aufgaben des Verbandes, der in Hessen die meisten Journalistinnen und Journalisten vertrete, gehöre es, eine „Demontage des Journalismus und damit verbundene Zerstörung der Demokratie, durch verantwort-ungslose Geschäftemacher zu verhindern“.


Nächste Verbandstage:
Wiesbaden (2010), Frankfurt/M. (2011), Fulda (2012)


Neben den zahlreichen beschlossenen Formalien – auch dank des professionell und routiniert arbeitenden Tagungspräsidiums mit Thorsten Becker und Claudia Bechthold - entschied der Verbandstag weiterhin über die künftigen Tagesorte. Fest stand bereits Wiesbaden für das Jahr 2010. Einstimmig angenommen haben die Delegierten den Vorschlag des Erweiterten Vorstandes, wonach die folgenden Verbandstage in Frankfurt/M. (2011) und in Fulda (2012) stattfinden. +++


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